Gut informiert entscheiden

Patienteninformationen des ÄZQ

verlässlich, verständlich, transparent

4 Wie wird eine Depression festgestellt?

2. Auflage, 2016. Version 2 – Druckversionpdf.png | Kapitelübersicht | weitere Informationen

4.1 Gespräch: Anzeichen für eine Depression erkennen

Wenn Sie sich entschlossen haben, einen Arzt oder eine Psychotherapeutin aufzusuchen, bekommen Sie zunächst einige Fragen gestellt.

Eine Depression zu erkennen, ist jedoch nicht immer einfach. Vielen depressiven Menschen fällt es von sich aus schwer, über ihr seelisches Empfinden zu sprechen. Sie können ihre Probleme oft nicht einordnen. Ein Grund dafür ist, dass unbestimmte körperliche Beschwerden mit einer Depression verbunden sein können. Daher glauben manche Betroffene, dass ihre Beschwerden auf eine körperliche Erkrankung zurückzuführen sind. Aus diesem Grund sollen nach Meinung der Expertengruppe Ärztinnen und Psychotherapeuten gezielt nach Anzeichen für eine Depression fragen.

Erste Hinweise auf eine Depression, kann ein einfacher Test liefern: der sogenannte "Zwei-Fragen-Test":

  1. Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
  2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Wenn Sie beide Fragen mit "Ja" beantwortet haben, kann das auf eine Depression hindeuten. Nach Meinung der Expertengruppe sollte dann Ihr Arzt oder Ihre Psychotherapeutin die Anzeichen einer Depression genauer erfassen. Dafür wird er oder sie ausführlicher mit Ihnen sprechen und Ihnen Fragen zu den einzelnen Beschwerden stellen. Dafür kann Ihre Ärztin oder Ihr Psychotherapeut bestimmte Gesprächsleitfäden zur Hilfe nehmen. Vielleicht werden Sie auch gebeten, einen Fragebogen auszufüllen.

zurück nach oben

Die wichtigsten Merkmale einer Depression (Hauptsymptome) sind:

  •  gedrückte, depressive Stimmung;
  •  Interessenverlust und Freudlosigkeit;
  •  Antriebsmangel und Ermüdbarkeit.

Daneben gibt es mehrere Nebensymptome. Sie werden ebenfalls genau erhoben, da sie den Schweregrad der Erkrankung mitbestimmen.

Zu den Nebensymptomen einer Depression gehören:

  • verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit;
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen;
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit;
  • übertriebene Zukunftsängste oder "Schwarzsehen";
  • Suizidgedanken oder -versuche, Selbstverletzungen;
  • Schlafstörungen;
  • verminderter Appetit.

zurück nach oben

Eine Depression wird festgestellt, wenn mindestens zwei Haupt- und zwei Nebensymptome vorliegen. Die Beschwerden müssen wenigstens zwei Wochen lang anhalten. Bei der Einschätzung ist nicht nur Ihr derzeitiger Gemütszustand wichtig, sondern auch der Verlauf der letzten Wochen.

Neben typischen seelischen Belastungen weisen körperliche Beschwerden ebenfalls auf eine Depression hin. Vielleicht denken Sie zum Beispiel bei Atemnot oder Herzrhythmusstörungen zunächst nicht daran, dass diese auch psychische Ursachen haben können. Deshalb möchte Ihr Arzt oder Ihre Psychotherapeutin auch möglichst viel über Ihre körperliche Verfassung erfahren.

Zu den körperlichen Beschwerden, die auf eine Depression hindeuten, zählen:

  • allgemeine körperliche Abgeschlagenheit, Mattigkeit;
  • Schlafstörungen (Ein- und/oder Durchschlafstörungen);
  • Appetitstörungen, Magendruck, Gewichtsverlust, Verdauungsprobleme wie Verstopfung (Obstipation) oder Durchfall (Diarrhöe);
  • Kopfschmerz oder andere Schmerzen, zum Beispiel Rückenschmerzen;
  • Druckgefühl in Hals und Brust, Beengtheit im Hals (sogenanntes "Globusgefühl");
  • Atemnot und Störungen von Herz und Kreislauf, wie Herzrhythmusstörungen oder Herzrasen;
  • Schwindelgefühle, Flimmern vor den Augen, Sehstörungen;
  • Muskelverspannungen, plötzlich einschießende Schmerzen;
  • Verlust des sexuellen Interesses, Ausbleiben der Monatsblutung, Impotenz, sexuelle Funktionsstörungen;
  • Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

zurück nach oben

Das Erscheinungsbild einer Depression hängt außerdem von kulturellen Faktoren ab. So werden zum Beispiel seelische Beschwerden in manchen Kulturkreisen vor allem körperlich ausgedrückt. Das macht es für Ärztinnen und Psychotherapeuten manchmal schwer, eine Depression zu erkennen. Deswegen sollen nach Meinung der Expertengruppe kulturspezifische Faktoren und Besonderheiten von Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, im ausführlichen Gespräch und bei der Untersuchung berücksichtigt werden. Das gilt auch für die anschließende Behandlung.

Wenn Ihr Arzt oder Ihre Psychotherapeutin mit Ihnen spricht, achtet er oder sie ebenfalls auf andere Dinge, wie Verhalten, Kleidung oder Sprache. So können beispielsweise eine leise Stimme, mangelnde Gefühlsregungen oder eine gebeugte, kraftlose Körperhaltung Anhaltspunkte für eine Krankheit sein.

Manchmal kann es hilfreich sein, Angehörige oder enge Bezugspersonen ebenfalls zu befragen. Ihre Schilderungen können zum Beispiel bei älteren Menschen helfen, die Anzeichen zu erheben.

Das Gespräch ist das wichtigste "Instrument" um herauszufinden, ob Sie an einer Depression erkrankt sind und wie stark diese ausgeprägt ist. Je offener und genauer Sie antworten, desto besser kann Ihre Ärztin oder Ihr Psychotherapeut erkennen, ob Sie depressiv sind. Das ist wichtig, denn die Behandlung richtet sich danach, wie schwer Sie möglicherweise erkrankt sind.

Wenn bei Ihnen eine depressive Erkrankung festgestellt wurde, wird man gemeinsam mit Ihnen das weitere Vorgehen besprechen und wenn nötig eine Behandlung einleiten (mehr dazu im Kapitel "Andere Krankheiten ausschließen"). In den meisten Fällen kann eine Depression gut behandelt werden.

zurück nach oben

4.2 Mögliche Fragen

Ein paar Beispielfragen, die sich als nützlich und gut geeignet erwiesen haben, sind im Folgenden für Sie aufgelistet. So können Sie sich in etwa vorstellen, wie das Gespräch ablaufen kann. Wenn Sie vor einem Praxisbesuch stehen, können diese Fragen Ihnen eine Hilfestellung sein, sich vorzubereiten – oder einfach als Anregung dienen, über sich selbst nachzudenken: 

Mögliche Fragen während des Gesprächs

"Haben Sie sich in den letzten zwei Wochen niedergeschlagen oder traurig gefühlt?"

"Gab es Zeiten, in denen Ihre Stimmung besser oder schlechter war?"

"Haben Sie in der letzten Zeit das Interesse oder die Freude an wichtigen Aktivitäten (Beruf, Hobby, Familie) verloren?"

"Hatten Sie in den letzten zwei Wochen fast ständig das Gefühl, zu nichts mehr Lust zu haben?"

"Haben Sie Ihre Energie verloren?"

"Fühlen Sie sich ständig müde und abgeschlagen?"

"Fällt es Ihnen schwer, die Aufgaben des Alltags wie gewohnt zu bewerkstelligen?"

"Haben Sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren?"

"Haben Sie Mühe, die Zeitung zu lesen, fernzusehen oder einem Gespräch zu folgen?"

"Leiden Sie an fehlendem Selbstvertrauen und/oder Selbstwertgefühl?"

"Fühlen Sie sich so selbstsicher wie sonst?"

"Machen Sie sich häufig Selbstvorwürfe?"

"Fühlen Sie sich häufig schuldig für alles, was geschieht?"

"Sehen Sie die Zukunft schwärzer als sonst?"

"Haben Sie Pläne für die Zukunft?"

"Geht es Ihnen so schlecht, dass Sie über den Tod nachdenken oder daran, dass es besser wäre, tot zu sein?"

"Hatten oder haben Sie konkrete Pläne, sich etwas anzutun?"

"Haben Sie versucht, sich etwas anzutun?"

"Gibt es etwas, was Sie am Leben hält?"

"Hat sich an Ihrem Schlaf etwas geändert?"

"Schlafen Sie mehr oder weniger als sonst?"

"Hatten Sie mehr oder weniger Appetit in der letzten Zeit?"

"Haben Sie ungewollt zu- oder abgenommen?"

zurück nach oben

Solche Themen wird der Arzt oder die Psychotherapeutin mit Ihnen ansprechen. Es kann auch sein, dass das Gespräch mit offenen Fragen beginnt, etwa danach, warum Sie gekommen sind, wie es Ihnen geht oder was Ihre Beschwerden sind. Dann sind Sie vielleicht durch die oben aufgeführten Fragen besser vorbereitet, Ihre eigenen Überlegungen und Beobachtungen in das Gespräch mit einzubringen. Vielleicht möchten Sie aber zunächst auch ganz andere Dinge ansprechen – Erlebnisse aus der letzten Zeit zum Beispiel oder belastende Situationen in Ihrer Lebensgeschichte.

4.3 Schweregrade

Man unterscheidet zwischen leichter, mittelgradiger und schwerer Depression. Der Schweregrad hängt von der Anzahl der Haupt- und Nebensymptome ab:

  • Von einer "leichten" depressiven Episode spricht man, wenn zwei Haupt- und zwei Nebensymptome mehr als zwei Wochen andauern.
  • Bei zwei Haupt- und drei bis vier Nebensymptomen spricht man von einer mittelgradigen Depression.
  • Drei Haupt- und vier oder mehr Nebensymptome kennzeichnen eine schwere Depression.

Die Behandlungsmöglichkeiten für alle drei Schweregrade sind verschieden (mehr dazu im Kapitel "Was die Leitlinie empfiehlt"). Deswegen ist es wichtig, dass möglichst alle Krankheitsanzeichen durch Fragen erkannt werden.

Die folgende Übersicht vermittelt Ihnen einen Eindruck, wie Fachleute den Schwergrad einer Depression bestimmen.

zurück nach oben

Abbildung 2: Depression: Symptome und Schweregrade

zurück nach oben

4.4 Andere Krankheiten ausschließen

Wenn bei Ihnen depressive Anzeichen festgestellt wurden, heißt das nicht zwangsläufig, dass Sie eine Depression haben. Auch bei anderen psychischen Störungen gehören viele dieser Zeichen zum Krankheitsbild. Ermattung oder Schlafstörungen können zum Beispiel auch bei körperlichen Erkrankungen auftreten. Deswegen sollte Ihre Ärztin oder Ihr Psychotherapeut nach Meinung der Expertengruppe in einem nächsten Schritt Fragen zu anderen möglichen Erkrankungen und zu Ihrer Krankheitsgeschichte stellen, um diese abzugrenzen. Körperliche Untersuchungen können hinzukommen. Sie liefern Hinweise auf eine mögliche körperliche Erkrankung als Ursache für die Depression.

Andererseits kann die Diagnose gerade bei Menschen mit schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen oder bei älteren Menschen schwierig sein, denn bei ihnen können allgemeine Schwäche oder Schlafstörungen unabhängig von einer Depression auftreten.

Besonders ältere Menschen klagen häufig über Schwindel oder Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Fallen solche Veränderungen auf, sollten Ärzte und Psychotherapeutinnen immer auch an eine beginnende Demenz denken.

Auch können Medikamente, die Sie einnehmen oder abgesetzt haben, Depressionen auslösen oder die Beschwerden verstärken. Daher ist es für die Untersuchenden wichtig zu wissen, ob Sie Medikamente einnehmen und wenn ja, welche.

Es ist deshalb hilfreich, wenn Sie eine Liste aller Medikamente, die Sie momentan einnehmen, zusammenstellen und diese zum Arztbesuch mitbringen. Auf die Liste gehören ebenfalls Arzneien, die Sie ohne Rezept gekauft haben, wie Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Mittel. Sie können auch einfach alle Medikamentenpackungen einpacken.

zurück nach oben 

 

Tipp - Medikationsplan

Menschen, die gleichzeitig mindestens drei verordnete Medikamente einnehmen beziehungsweise anwenden, haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen für sie verständlichen Medikationsplan. Diesen erhalten Sie von Ihrer behandelnden Ärztin oder ihrem behandelnden Arzt.

Weitere Informationen zum Medikationsplan und eine Beispielvorlage gibt es hier:

www.kbv.de/html/medikationsplan.php

Ist bei Ihnen eine Depression festgestellt worden, dann sollte nach Meinung der Expertengruppe Ihre Ärztin oder Ihr Psychotherapeut genau prüfen, ob bei Ihnen eine körperliche Begleiterkrankung vorliegt. Zudem sollte sie oder er kontrollieren, ob Sie Medikamente oder Mittel einnehmen, die mit depressiven Symptomen einhergehen können. Nach Meinung der Expertengruppe sollte man Sie zu einer entsprechenden fachärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis überweisen, wenn es Hinweise auf eine behandlungsbedürftige Krankheit gibt.


zurück nach oben

 


Zurück zu Kapitel 3 | Weiter zu Kapitel 5

zuletzt verändert: 23.03.2017 11:36